Die Deutschen und die Dolchstoßlegende

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Abbildung der ,,Dolchstoßlegende“, österreichische Postkarte, März 1919.

Warum hat Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren?

Es gibt die Behauptung, dass das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte, wenn die Novemberrevolution 1918 nicht gewesen wäre. Fehlende Unterstützung und die politischen Umbrüche im Reich hätten die Truppen demoralisiert. Ein Sieg hätte nicht mehr erkämpft werden können. Somit hätten vor allem die linken Kräfte die Niederlage verschuldet.  Die „im Felde unbesiegbare“ Armee sei hinterrücks von eigenem Land erdolcht worden.

Stimmt das denn?

Nein, das war nur eine willkommene Erklärung. Schon vor den Unruhen war ein Sieg Deutschlands nicht mehr möglich.

Im März 1918 scheiterte eine große Offensive. Danach zeichnete sich bereits der militärische Misserfolg ab. Insbesondere in den letzten Monaten desertierten scharenweise Soldaten. Die Kriegsmüdigkeit machte sich bis in die oberste Riege breit. Anfang Oktober informierte die Oberste Heeresleitung (OHL) dann die Parteiführer von der unvermeidbaren Niederlage. Nachdem die OHL ein Friedens- und Waffenstillstandsangebot verordnete, brach die Kampfbereitschaft vollkommen zusammen. Die Ententemächte hatten letztendlich mehr Waffen, Munition und Soldaten, aber auch Nahrungsmittel. Die prekäre wirtschaftliche Lage des Deutschen Reiches wurde gerne ausgeklammert.

Das „im Felde unbesiegbare“ deutsche Heer ist auch nur ein Mythos. Zwar hat das Heer die feindlichen Gruppen vom Reichsgebiet fernhalten können, doch wurde die deutsche Westfront kontinuierlich zurückgedrängt.

Woher stammt dann diese Dolchstoßlegende?

Anfänglich wurde die Behauptung, dass die deutsche Armee von hinten „erdolcht“ worden sei, von dem englischen General Frederick Maurice in der Zeitung „Daily News“ vertreten. Später nahm er davon Abstand. Durch Feldmarschall Hindenburg vertrat die Heeresleitung der Deutschen Mitte November 1918 in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss erstmalig diese Behauptungen. Die deutsche Rechte nahm  die Legende dankend auf, um ihre Position zu stärken.

Was sollte das?

In erster Linie ist die Dolchstoßlegende eine einfache und rettende Erklärung für komplexe Zusammenhänge.

Die im November ausgerufene Weimarer Republik war den konservativ-rechten Kreisen ein Dorn im Auge. Sie sehnten sich nach dem nun vergangenen deutschen Kaiserreich. Die Rechten fanden ihren Sündenbock in den Demokraten, der Linke und in den Juden. Der Begriff vom Dolchstoß wurde schließlich auch als Parole im Wahlkampf verwendet. Für die militärische Führung war die Dolchstoßlegende die Möglichkeit, die Verantwortung dem innenpolitischen Gegner zu zuschieben. Sie versuchte so, die Ehre des Militärs zu bewahren. Dass die OHL ständig von dem „im Felde unbesiegbaren“ Heer berichtete, verhalf ihr, sich selbst zu „entlasten“.

Die Niederlage war für das Volk nur schwer zu verdauen. Selbst nachdem die Kapitulation abgeschlossen war, verstanden zahlreiche Deutsche nicht den Ernst der Lage. Es war vielen nicht bewusst, dass das Land dem Willen seiner Gegner ausgeliefert war.  Die Dolchstoßlegende fand deswegen in der Weimarer Republik großen Anklang.

Die Dolchstoßlegende zeigt, wie groß das Bedürfnis nach einer einfachen Erklärung in vielen Kreisen verbreitet war. Außerdem verdeutlicht sie, wie stark sich die Gegensätze zwischen den politischen Lagern durch den Krieg vertieft hatten.

Zum Weiterlesen

  • Gutberlet, Bernd Ingmar: Irrtümer und Legenden der deutschen Geschichte, Hamburg 2002.
  • Petzold, Joachim: Die Dolchstoßlegende. Eine Geschichtsfälschung im Dienst des deutschen Imperialismus und Militarismus, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Schriften des Instituts für Geschichte. Reihe I, Band 18, Berlin 1963.
  • Sammet, Rainer: „Dolchstoß“. Deutschland und die Auseinandersetzung mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg (1918-1933), Reihe Hochschulschriften 2, Berlin 2003.
  • Vasold, Manfred: Dolchstoß-Legende, in: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte, 2. Aufl., München 1992, S. 59-61.

Bildnachweis:

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