Stunde Null

In der Verbindung mit dem Ende des Zweiter Weltkriegs hört man häufig den Begriff der „Stunde Null“. Doch hat es diese „Stunde Null“ wirklich gegeben oder ist sie nur ein Mythos der Geschichte?

Was ist die Stunde Null? 

Die Idee der „Stunde Null“ ist kontrovers diskutiert und beschreibt den kompletten Neuanfang Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, den es in dieser Form nicht gegeben haben kann. Zurückzuführen ist diese Bezeichnung auf Roberto Rossellinis Film „Deutschland im Jahre Null“ und geht auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Situation Deutschlands nach dem Kriegsende ein.

Entstehung einer Legende

Am 8. Mai 1945 endete der Krieg in Europa. Nazi-Deutschland war besiegt und die durch Krieg, Terror und Völkermord gekennzeichnete NS-Herrschaft war beendet. Auf der gesellschaftlichen Ebene geht die „Stunde Null“ davon aus, dass das bestehende deutsche Gesellschaftsgefüge einfach zu existieren aufhörte. Mit der Aufgabe der deutschen Wehrmacht und der damit verbundenen Niederlage verlor Deutschland durch die Besatzungsmächte jegliche Selbstbestimmung. Die Befürworter dieser Theorie sehen die Widerlegung alter Normen und Werte in der Gesellschaft als Folge. Die „Stunde Null“ geht von einem totalen Neuanfang der Gesellschaft unabhängig voriger Strukturen aus. Damit vollzieht sich laut dieser Theorie ein völliger Bruch mit der Vergangenheit.

Auch auf wirtschaftlicher Ebene wird häufig von einer „Stunde Null“ gesprochen. Das Bild nach Kriegsende ist sehr einprägend: Ausgebombte Städte, zerstörte Fabriken und in den Läden konnte häufig nicht einmal mit Lebensmittelmarken  das Nötigste zum Leben gekauft werden.

Auf der politischen Ebene scheint der Mythos der „Stunde Null“ zunächst als ein plausibler Gedanke. Der Nationalsozialismus war besiegt und die deutsche Regierung war durch die alliierten Siegermächte  ersetzt worden. Ehemalige Nazis wurden verhaftet und vergangene Regierungsmitglieder und Kriegsverbrecher in den Nürnberger Prozessen zur Rechenschaft gezogen.

Auflösung des Mythos

Auf dieses Weise stellt sich der Mythos der „Stunde Null“ dar. Aber war die Situation in Deutschland nach dem Kriegsende wirklich so, wie dargestellt? Die zuvor beschriebenen Annahmen widersprechen den zutreffenden Tatsachen und entsprechen im Überwiegenden nicht der Wirklichkeit.

War das NS-Gedankengut noch vorhanden?

In der Gesellschaft war das Gedankengut des „Dritten Reiches“ noch lange vorhanden. Dass eine ganze Gesellschaft, die über Jahre durch Propaganda beeinflusst wurde, über Nacht alles vergessen konnte, ist sehr abwegig. Es gab in Westdeutschland nach dem Kriegsende keine Auswechslung der Lehrerschaft an den Schulen, obwohl viele Lehrer stark durch ihre NS-Vergangenheit belastet waren. Gleiches galt für den öffentlichen Dienst. Auch hier wurden Stellen häufig nicht neu verteilt, sondern jene Personen, die schon unter Adolf Hitler dort arbeiteten, behielten ihre Positionen, obwohl sie durch die Ideologie vorbelastet waren. Auf politischer Ebene wurden zwar die antidemokratischen Machtfaktoren ausgeschaltet, aber auch hier blieben Politiker, die schon zur NS-Zeit tätig waren, im Amt. Oft war das Personal sogar identisch. NSDAP-Politiker schlossen sich anderen Parteien an und im Untergrund organisierten sich weiterhin rechtsradikale Gruppierungen. Gerade bei der Polizei wurden Personen eingestellt, die im Osten an der Vernichtungsmaschinerie beteiligt waren. Zwar versuchte man weniger belastete Personen einzustellen, aber aufgrund mangelnden Personals war das kaum möglich.

Gab es eine funktionierende Wirtschaft?

Richtig ist, dass die Klassenunterschiede, bedingt durch die herrschende Not, teilweise abnahmen. Jedoch gab es weder Neu- und Umverteilungen noch entscheidende Reformen am Wirtschaftssystem. Entscheidende Änderungen auf wirtschaftlicher Ebene sind nicht zu verzeichnen. Es war 1944 im Rahmen des Morgenthau-Plans im Gespräch, Deutschland in der Nachkriegszeit in einen Agrarstaat umzuwandeln. Dieser wurde jedoch nie umgesetzt. Lediglich in Ostdeutschland wurde durch die Zonenaufteilung ein neues Wirtschaftssystem eingeführt. Dieses fand erst mit der Gründung der DDR am 7. Oktober1949 statt.

Viele Städte und Fabriken lagen in Trümmern. Die Fotos lassen jedoch einen wesentlich höheren Schaden vermuten, als es die Realität zeigte. Etwa die Hälfte aller Wirtschaftsbetriebe war noch intakt. Trotzdem war die Produktionskapazität höher als vor dem Krieg. Das liegt unter anderem darin begründet, dass sich während des Zweiten Weltkrieges ein wirtschaftlicher Aufschwung vollzog aufgrund des steigenden Bedarfs an Waffen etc. Unternehmen wie Flick oder Krupp, die schon bei Hitlers Aufrüstung mithalfen, profitierten nun vom Wiederaufbau. Innerhalb von wenigen Wochen waren viele Großbetriebe wieder bereit, an die Arbeit zu gehen.

Schlussfolgerung

Daraus kann man schließen, dass es die „Stunde Null“ nicht gab. Sie ist ein Konstrukt, welches versuchte, einen Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel Deutschlands zu ziehen. Erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und durch dessen Aufarbeitung kann von einer neuen Ordnung gesprochen werden.

Zum Weiterlesen:

  • Hockerts, Hans-Günther: Gab es eine Stunde Null? Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in Deutschland nach der bedingungslosen Kapitulation, in: Grimm, Stefan (Hrsg.) Nachkriegszeiten. Die Stunde Null als Realität und Mythos in der deutschen Geschichte. 1996. S.119-156.
  • Winkler, Heinrich Augutst: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte. 2005
  • Wolf-Doettinchem, Lorenz: Mythos „Stunde Null“ – Nicht alle fingen mit Nichts an, in: http://www.stern.de/politik/geschichte/mythos–stunde-null–3553466.html, 16.03.2005. zuletzt Besucht 30.01.2017

Bild- und Videonachweis:

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