Deutschland: Eine „saubere“ Kolonialmacht?

Herero und Nama verklagen Deutschland, meldete Spiegel Online Anfang des Jahres über die Klage von Nachkommen der Opfer deutscher Kolonialverbrechen vor einem US-Gericht. Die Nachfahren der von Deutschen ermordeten Südwestafrikaner wollen an den Verhandlungen über Entschädigungen direkt teilnehmen. Mehr als 100 Jahre nach dem Massenmord beginnt für die Opfer des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts die juristische Aufarbeitung der Verbrechen.

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts

Namibia

Das ehemalige Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia © Kämmer-Kartographie, Berlin 2012

1904 hatten die südwestafrikanischen Stämme der Herero und Nama sich gegen die deutsche Kolonialherrschaft aufgelehnt. Deutsche Soldaten beantworteten den Aufstand mit grausamen Massakern an der einheimischen Zivilbevölkerung: Der deutsche Kommandeur Lothar von Trotha befahl, dass die deutschen Soldaten die aufständischen Herero und Nama in die wasserlose Omaheke-Wüste treiben sollten, damit sie dort ihren Tod finden würden.

„Die Wüste soll beenden“, so von Trotha, „was die deutschen Waffen begonnen haben: Die Vernichtung des Hererovolkes.“ Die Deutschen deportierten die Überlebenden in Konzentrationslager, in denen jeder zweite von ihnen starb. Insgesamt starben während des Aufstandes zwischen 40.000 bis 60.000 Hereros.

Deutschlands vergessene Kolonialgeschichte

Adrian-Dietrich-Lothar-von-Trotha

Der Deutsche Kommandeur Lothar von Trotha

Dass auch das Deutsche Reich zwischen 1884 und 1914 Kolonien in Afrika und Asien besaß, ist den meisten bekannt. Allerdings hält sich noch immer hartnäckig die Vorstellung vom Deutschen Reich als „sauberer“ Kolonialmacht: Im Gegensatz zu Briten und Franzosen hätten die Deutschen weitgehend friedlich und überdies nur vergleichsweise kurz über ihre Kolonien geherrscht. Diese Vorstellung ist aber nicht zu halten, da die Belege für den Genozid überwältigend sind.

Der aktuelle Rechtsstreit um Wiedergutmachung lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf dieses wenig beachtete, düstere Kapitel der deutschen Geschichte. Die Bundesregierung hat die Verbrechen deutscher Kolonialtruppen an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika zwar 2015 als Völkermord bezeichnet und sich offiziell entschuldigt – zu Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen hat sie sich allerdings bislang noch nicht durchringen können.

„Es kann nicht um persönliche Geldentschädigung an Nachfahren früherer Opfer gehen. Wir haben es in Namibia mit der Ururenkel-Generation zu tun. Es geht dabei um ein langfristiges Engagement, jenseits dessen, was bisher schon in der deutsch-namibischen Entwicklungszusammenarbeit geleistet wird“ – Ruprecht Polenz (CDU, Namibia-Beauftragter der Bundesregierung)

Zum Weiterlesen und -Schauen

    • Böhlke-Itzen, Janntje: Kolonialschuld und Entschädigung – Der deutsche Völkermord an den Hereros 1904-1907, Frankfurt a. M. 2004.
    • Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 2012.
    • Kößler, Reinhart/Melber, Henning: Völkermord und Gedenken. Der Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika 1904-1908, in: Wojak, Irmtraud/Meinl, Susanne (Hgg.): Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2004, S. 37-75.
    • Linder, Ulrike: Koloniale Begegnungen.  Deutschland und Großbritannien als Imperialmächte in Afrika 1880-1914, Frankfurt a. M. 2011.
    • Zeller, Joachim/Zimmerer, Jürgen (Hgg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2016.
    • Namibia: Eine Heimat – Zwei Welten – Von der Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit

Bild- und Videoquellen:

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