Brachte der Fleiß der Deutschen das Wirtschaftswunder?

In der Eurokrise macht eine offizielle Meinung Mut: Deutschland käme nicht in so eine Situation wie andere Staaten, denn Made in Germany beruht auf Fleiß und davon verstehen die Deutschen etwas. In der Tat, es gab hier ja ein Wirtschaftswunder (1951-1967). Gerade erst ein kriegszerrüttetes, besiegtes und geteiltes Land, und nun wirtschaftlicher Wohlstand überall. In der Erinnerung der Westdeutschen wurde sich das Wirtschaftswunder erklärt – damals wie heute – hauptsächlich mit dem Fleiß der Deutschen. Stimmt das?

Die Währung
Auf der Suche nach dem „Wunder“ stößt man auf die Deutsche Mark, die 2002 durch den Euro ersetzt wurde. Aber was hat diese Währung mit dem Wirtschaftswunder zu tun? Nun, als die Wochenschauen über zerstörte Innenstädte berichteten, als Menschen Hunger hatten und kaum Arbeit, war die damalige Währung der Reichsmark ohne Kaufkraft und erinnerte an das nationalsozialistische Regime. Etwas Neues musste her, die D-Mark.

Eingeführt mit der Währungsreform von 1948, wurde sie bald der Deutschen liebstes Kind. Warum? Nun, die Kaufkraft der D-Mark versicherte Stabilität und war der Schlüssel zu Arbeit, Erfolg und Konsum. Und nach der Niederlage des 2. Weltkrieges symbolisierte sie für die Westdeutschen noch etwas anderes: Selbstbewusstsein. Der Fernseher, das Auto, das Dach über dem Kopf, Urlaubsreisen mit dem eigenen Wagen in den Süden. Ein Wunder, erschaffen aus eigener Kraft. Man war sich sicher.

Die Statistiken der Zeit geben dieser Sichtweise Recht. Ende 1950 gab es Vollbeschäftigung, das Industriewachstum übertraf bald das Niveau vor Kriegsbeginn, die Warenausfuhr rollte und die Lebensumstände verbesserten sich deutlich.

Urheber Ludwig Erhard?
Aber wer hat denn nun das Ganze angeschoben? Hierzu gab es lange eine klare Antwort: der erste westdeutsche Wirtschaftsminister, Ludwig Erhard.

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Wirtschaftsminister Ludwig Erhard

Als „Vater des Wirtschaftswunders“ hat er die Schritte zum Wiederaufbau vorbereitet und langfristig unter dem Slogan „Wohlstand für alle“ für die Anhebung der Lebensumstände durch Wirtschaftsreformen (Soziale Marktwirtschaft) gesorgt. Allerdings entgegen populärer Meinung hat Erhard die Währungsreform nicht gemacht. (Ein Kurzfilm erklärt die Zusammenhänge hier).

Wissenschaftler betonen die Hilfe von außen durch den amerikanischen Aufbauplan (Marshallplan) und den hälftigen Erlass der Schulden durch die Alliierten Besatzungsmächte. Denn dadurch konnten im internationalen Finanzmarkt wieder Kredite für neue Geschäfte aufgenommen werden. Geholfen hat auch die Nachfrage nach westdeutscher Ausfuhrware während des Koreakriegs Anfang 1950. Am Ende ging der Plan der Amerikaner auf, Westdeutschland als politischen Puffer gegen den Kommunismus der Sowjetunion zu setzen. Bis heute hat sich Deutschland wirtschaftlich, politisch und kulturell am Westen orientiert.

Der Fleiß der Westdeutschen?
Aber was ist denn jetzt mit dem Fleiß der Westdeutschen? Räumte die Bevölkerung nicht die Städte und das Land wieder auf? Unbestritten. So wie Menschen im durch Deutschland zerstörten Frankreich und Polen auch. Zu Hause, in Westdeutschland, erhielten deutsche Industrien noch von anderer Seite Hilfe: Der Verkaufsschlager VW Käfer, z.B., wurde auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht und mit Hilfe des amerikanischen Fließbandsystems produziert. Unabdingbar waren dabei auch Fachkräfte aus den Reihen Ostvertriebener und DDR-Flüchtlinge.

 

Köln, Schokoladenfabrik Stollwerck, Gastarbeiterinnen

Köln, Schokoladenfabrik Stollwerck, Gastarbeiterinnen, 1962.

Und dann war da noch die Hilfe der „Gastarbeiter“. Ab 1956, mit der Steigerung der Industrieproduktionen, warb die BRD zusätzlich Tausende Italiener, Griechen, Portugiesen, Spanier, Jugoslawen und Türken zur Arbeitshilfe an. Allein bis Ende 1950 kamen rund 500.000 nach Westdeutschland, der millionste Gastarbeiter wurde 1964 geehrt.

 

Also … ein bisschen Wunder
Wie mit allen Mythen ist auch am Wirtschaftswunder ein wahrer Kern: Die Westdeutschen erschufen sich ein positives Selbstbild getragen von Fleiß. Sie „waren wieder wer“. Das Wirtschaftswunder war so zusammen mit dem Mythos der „Stunde Null“ ein Neuanfang. Die wirtschaftliche Stabilität machte die BRD zum Sozialstaat und sicherte die neue Demokratie.

Allerdings haben auf diesem Weg viele Westdeutsche erst einmal die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und Mitverantwortung für den Krieg ausgeblendet, dies gilt auch für die Bedeutung des Zustroms von Arbeitskräften und den Schuldenerlass. Diese Leerstellen in der Erinnerung sind in der aktuellen Euro– und Flüchtlingskrise zum politischen Streitgegenstand geworden.

Zum Weiterlesen und Schauen:

Bild/Videonachweis

 

      Quellen

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