Hygiene im Mittelalter – Waschen überflüssig?

Die meisten Menschen im Mittelalter haben sich nicht gewaschen und es hat überall bis zum Himmel gestunken…

 

…dieses Bild wird uns oft in Büchern und Filmen über das Mittelalter vermittelt. Wie man in dem Video sehen kann, auch im Lehrfernsehen für Kinder. Doch stimmt das wirklich?

Das Mittelalter?

Zuerst einmal sollte eins klar gestellt werden: Das Mittelalter gibt es nicht. Die Zeit des Mittelalters umfasst eine Zeitspanne von ungefähr 1000 Jahren (500–1500)! Das bedeutet, dass nicht alles, was wir heute als typisch für das Mittelalter empfinden, während des ganzen Mittelalters und gleichzeitig in ganz Europa kennzeichnend gewesen ist. Deutlich wird dies am Beispiel der hygienischen Zustände in dieser Zeit. Ähnliche hygienische Zustände treten in Europa nämlich erst vermehrt mit der Städtebildung im 11. und 12. Jahrhundert auf. Aus diesem Grund ist hier, wenn vom Mittelalter die Rede ist, die Zeit des Hochmittelalters gemeint (ca. 1050–1250).

Sauberkeit und Umwelt

Im mittelalterlichen Europa gehörte der Dreck auf den Straßen zum Alltag. Doch man sollte in keinem Fall die Bemühungen der Menschen um bessere hygienische Zustände unterschätzen. Es gab unzählige Vorschriften, die die Entsorgung von Schmutzwasser, Fäkalien und sonstigen Abfällen regeln sollten. Solche Vorschriften sind jedoch nur ein undeutlicher Spiegel der damaligen Wirklichkeit und können unterschiedlich interpretiert werden. Die ständige Wiederholung von Verboten könnte einerseits bedeuten, dass die Bemühungen um Sauberkeit groß waren und auch großen Erfolg

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Frühe Darstellung einer Badestube in der Heidelberger Bildhandschrift (13. Jhdt)

hatten – andererseits könnte es aber auch heißen, dass die schlimmen Zustände immer neue Vorschriften nötig machten, weil sie nicht befolgt wurden. Dass die Vorschriften erlassen wurden, zeigt aber immerhin, dass das Problem des Drecks erkannt worden ist. Aus den Schriftquellen erfahren wir leider selten genaue Einzelheiten über die alltäglichen Abläufe der Abfallentsorgung. Häufiger sind Nachrichten über Verstöße gegen die Vorschriften und daraus entstehende Streitigkeiten. Das hat früher zu der Annahme geführt, dass es vor dem 16. Jahrhundert kaum sanitäre Einrichtungen in Privathäusern gegeben habe, und dass das berüchtigte Nachttopf-auf-der-Straße-auskippen die Regel gewesen sei. Davon kann aber keine Rede sein. Das Auskippen der Nachttöpfe aus dem Fenster kam zwar durchaus vor, wie Archäologen beispielsweise in Lübeck nachweisen konnten, war aber nicht immer und überall an der Tagesordnung. Dies kann man an häuslichen Abfallgruben und Latrinenschächte sehen, welche heutzutage regelmäßig als besonders wichtige Fundstätten bei Ausgrabungen entdeckt werden.

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Niederländischer Wasserspeier – Dienstmagd entleert einen Nachttopf

Der Schmutz, der sich auf den Straßen befand, wurde von den Menschen im Mittelalter durchaus als „unlust“ empfunden, heißt, als etwas Schlechtes und Störendes. Auch die gesundheitsgefährdenden Folgen von Unrat und Dreck waren teilweise bekannt, vor allem der Gestank wurde für Krankheiten verantwortlich gemacht. Da der Dreck auf den Straßen und der allgegenwärtige Gestank aber alle Menschen betrafen, die in einer Stadt lebten, entwickelte sich die Abfallentsorgung von einer Privatsache jedes einzelnen zu einer Angelegenheit für alle. Deshalb ermahnten die Stadträte zunächst die Bürger dazu, wenigstens die Straßen und Wege vor dem eigenen Haus sauber zu halten. Zum Teil wurden aber auch öffentliche Mülldeponien und eine Reinigung der Straßen organisiert. Aus Berichten italienischer Reisender können wir erfahren, dass die Städte sich oft sehr um Sauberkeit bemühten. Auch um eine gute städtische Wasserversorgung im Mittelalter gab es viele Bemühungen. Doch archäologische Funde zeigen immer wieder, dass Brunnen oft direkt neben den Kloaken angelegt waren, was dazu führte, dass Fäkalien in das Trinkwasser gelangen konnten. Dies kann durchaus auch heutzutage noch ein Problem sein.

Und die Körperhygiene?

Her Jacob von Warthe beim Bad um 1300

Her Jacob von Warthe beim Bad (um 1300)

Was die persönliche Sauberkeit angeht, so finden wir widersprüchliche Schilderungen in den Quellen des Mittelalters. Einerseits gibt es Schilderungen von ziemlich schlimmen Zuständen der körperlichen Hygiene, andererseits wurde Sauberkeit stets gelobt und schmutzige Menschen verachtet. Letzteres würde gegen die von uns heute häufig angenommene Schmutzunempfindlichkeit der Menschen im Mittelalter sprechen. Dass es im öffentlichen Leben einen gewissen Standard an Sauberkeit gegeben haben muss, können wir unter anderem aus Krankenhausvorschriften erkennen. Dort wird nämlich detailliert über viele Vorschriften berichtet, wie zum Beispiel regelmäßige Körperwaschungen, Wäschewaschen oder den Wechsel von Bettwäsche. Auch Ärzte folgten bestimmten Regeln, wie am Beispiel des Wundarztes Jakob Althaus zu erkennen ist.

Aus Rechnungen adliger Haushalte können wir außerdem schließen, dass viel in die persönliche und häusliche Sauberkeit investiert wurde. Es ist keine Frage, dass die Vorstellungen darüber, wo die Grenze zwischen Schmutz und Sauberkeit verläuft, sich wandeln. Ungeziefer jedenfalls konnte nicht nur im Mittelalter, sondern weit bis in das 19. Jahrhundert hinein ein täglicher Begleiter der Menschen sein. Die mittelalterlichen hygienischen Standards entsprachen also sicherlich nicht unseren Ansprüchen heutzutage, aber es wurde durchaus Wert auf Sauberkeit gelegt. Der Mythos vom dreckigen Mittelalter mit schmutzresistenten Menschen bestätigt sich also nicht.

Badehausszene aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus etwa 1475

Badehausszene aus dem Factorum Dictorumque Memorabilium des Valerius Maximus (etwa 1475)

Wie kommt dieser Irrtum zustande?

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Artemisia Gentileschi – Bathseba im Bade (1637-1638)

Ein Grund dafür, dass wir heute oft  annehmen, im Mittelalter sei es sehr schmutzig zugegangen und die Menschen hätten nicht viel auf Körperhygiene gegeben, ist möglicherweise eine Verwechslung des Mittelalters mit der Frühen Neuzeit. In den Zeiten der Pestepidemien wurden nämlich Hitze und Wasser für die Ansteckungen mit der Pest verantwortlich gemacht. Ab ungefähr dem 16. Jahrhundert verstand man die Haut als poröse Schicht, durch die die Krankheiten in den Körper eindringen konnten. Durch das Baden in warmem Wasser sollte das Risiko der Ansteckung noch erhöht werden. Daher wurde den Menschen in der Frühen Neuzeit davon abgeraten, die Haut mit Wasser in Berührung kommen zu lassen, das Bad kam aus der Mode. Ein Abtupfen der Haut genügte den Menschen, Puder und Parfum taten den Rest. Im Mittelalter hingegen hat man sehr gerne gebadet, wenn auch nicht nur aus hygienischen Gründen.

 

 

 

 


Zum Weiterlesen und -schauen


Literaturverzeichnis:

  • Boockmann, Hartmut: Die Stadt im späten Mittelalter, München 1987.

  • Dirlmeier, Ulf: Zu den Lebensbedingungen in der mittelalterlichen Stadt. Trinkwasserversorgung und Abfallbeseitigung, in: Mensch und Umwelt im Mittelalter, hg. von Bernd Herrmann, Stuttgart 1986, S. 150–159.

  • Isenmann, Eberhard: Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550. Stadtgestalt, Recht, Verfassung, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Köln u.a. 2014.

  • Schubert, Ernst: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, Darmstadt 2002.

  • Varron, A. G.: Hygiene im Mittelalter Ciba Zeitschrift Juni 1937

  • Vigarello, Georges: Wasser und Seife, Puder und Parfüm. Geschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter, Frankfurt/Main u.a. 1992.

Bilder- und Videonachweis:

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3 Gedanken zu “Hygiene im Mittelalter – Waschen überflüssig?

  1. Pingback: Wie „finster“ war das Mittelalter wirklich? | (HI)STORIES ?!

  2. Pingback: Fundstücke KW 41 | blog.HistoFakt.de

  3. Vielleicht darf ich ergänzend noch folgende Artikel verlinken:

    http://wh1350.at/de/kleidung/mittelalterliche-kosmetik-und-schoenheitsroutine/
    http://neuesausdergotik.blogspot.co.at/2017/05/beim-bader.html

    Mit diesen beiden Artikeln, zu denen es je auch ein Youtubevideo gibt, haben wir eine Veranstaltung zum Thema Hygiene und Schönheitspflege im Spätmittelalter aufgearbeitet, bei denen wir praktisch umgesetzt haben, was in schriftlichen Quellen zu finden war.

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