Johanna – Eine Frau als Papst?

Im 9. Jh. n. Chr. hat eine Frau namens Johanna, getarnt als Mann, auf dem Heiligen Stuhl in Rom gesessen. Sie ist in Mainz aufgewachsen, in die höchsten Kreise des Vatikans aufgestiegen und schlussendlich zum Papst gewählt worden. Sie hat ein Kind während einer Prozession geboren, worauf hin sie und das Kind getötet wurden. Diese beliebte Geschichte über eine Frau, die sich in einer Männerwelt behauptet, wird schon seit langer Zeit erzählt. Doch kann diese Legende wahr sein? Darüber streiten Wissenschaftler und Autoren. Donna W. Cross behauptet in ihrem Bestseller „Die Päpstin“, dass es einen weiblichen Papst wirklich gegeben hat und auch die gleichnamige Verfilmung wirbt mit „Eine wahre Geschichte“.

Was spricht für eine Existenz?

Die Fürsprecher der These, dass es eine Päpstin gab, berufen sich auf verschiedene Argumente. Sie verweisen auf schriftliche Quellen, die es z.B. in Chroniken ab dem 13. Jh. gibt. In einer Quelle aus dem Jahr 1277 erwähnt ein Dominikanermönch erstmals die Päpstin und ihre Geschichte.

Wie man versichert, ist dieser [Papst] eine Frau gewesen, die als junges Mädchen von ihrem Liebhaber in männlicher Kleidung nach Athen geführt wurde. […] Da sie in der Stadt Rom wegen ihrer Lebensführung und Gelehrsamkeit großes Ansehen genoss, wurde sie einstimmig zum Papst gewählt, dann aber während ihres Papsttums von ihren Vertrauten geschwängert. Und da sie die Zeit ihrer Geburt nicht wusste, ist sie auf dem Weg […] von Wehen überrascht worden und hat geboren. An der gleichen Stelle ist sie gestorben und, wie man sagt, begraben worden. Da der Papst diesen Weg immer meidet, glauben die meisten, dass dies aus Abscheu vor dem Ereignis geschehen sei.“

Aus: Völker, Klaus: Päpstin Johanna. Ein Lesebuch, Berlin 1977, S. 71.

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Geschlechtskontrolle, aus: Lectionum memorabilium et reconditarum libri duo.

Die Erwähnung Johannas trägt schon die Grundzüge der Legende, wie wir sie heute kennen. Aus der Quelle ist auch der nächste Anhaltspunkt für Johannas Existenz zu erkennen. Die Prozessionen der Päpste verlaufen nach diesem Vorfall nicht mehr an der Stelle der Geburt vorbei, sondern wählen einen neuen Weg. Es ist der Versuch des Vatikans, nicht mehr an das peinliche Versehen zu erinnern, eine Frau auf den Heiligen Stuhl gesetzt zu haben.

Apropros Stuhl; ein weiteres Indiz soll in der mittelalterlichen Zeremonie zur Papsternennung zu sehen sein. Mehrere Zeitzeugen berichten von einem bestimmten Ritual. Die neuen Päpste müssten sich auf einem Stuhl mit Loch in der Sitzfläche setzen und man überzeugte sich ihrer Männlichkeit durch einen beherzten Griff unter das heilige Gewand. Dieses Vorgehen müsse in der Sorge begründet sein, dass eine Frau schon einmal und eventuell wieder als Petrus Stellvertreter gewählt wird.

Außerdem sei es durchaus denkbar, dass in der Zeit des 9.Jh., in dem die Fakten schlecht überliefert sind und Machtintrigen im Vatikan vorherrschen, eine Frau Papst war und es unbemerkt blieb.

Was spricht dagegen?

Gegen eine reale Päpstin Johanna wehren sich besonders Historiker, die die Quellen genau begutachtet haben und das teilweise schon im 19. Jh.

In der Mitte des 9. Jh., zu Johannas angeblicher Amtszeit, sind die Päpste ohne Lücken belegt. Außerdem ist bei Betrachtung der Quellen auffällig, dass eine Päpstin erst 400 Jahre nach Lebzeiten erwähnt wird.

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Niederkunft Johannas, aus: Lectionum memorabilium et reconditarum libri duo.

In den ersten Quellen wird die lateinische Grabinschrift P. Pater Patrum P.P.P. genannt. Sie soll in ein römisches Gemäuer gemeißelt gewesen sein und heißen: „Petrus, Vater der Väter, enthülle die Niederkunft des weiblichen Papstes“. So nahmen es die Römer an und sahen darin den direkten Beweis für Johannas Existenz. So entwickelte sich die Legende, ausgehend von den Römern, im Volksmund weiter und erreichte immer größere Bekanntheit, bis die Chronisten sie in ihre Werke einfließen ließen. Dass es sich allerdings um eine Grabinschrift eines Mithras-Anhängers handelte und keinen Bezug zu der Legende einer Päpstin hat, vermuten die Historiker heute.

Die Veränderung des Prozessionsweges hat sich auch nicht auf Grund eines skandalösen Ereignisses vollzogen, sondern weil die ursprünglichen Straßen zu eng für das päpstliche Gefolge wurden. Da dies schon um 750 n. Chr., also 100 Jahre vor Johannas vermeintlicher Existenz, geschah, kann es keinen Bezug zur Geburt Johannas haben.

Der Stuhl, welcher bei der Zeremonie der päpstlichen Amtseinführung zu Kontrolle der Männlichkeit genutzt wurde, existiert tatsächlich im vatikanischen Museum. Allerdings belegen einige Quellen eine andere Nutzung. Vielmehr ist dieser als Kot-Stuhl zu verstehen; durch das Setzen soll der neue Papst Demut für seine zukünftigen Aufgaben empfinden. Die Darstellung des Kontrolle der Männlichkeit zeugen abermals von der Fantasie der römischen Bevölkerung, die sich ein solches Ritual nicht erklären konnten.

Fazit

Es gibt für alle Argumente, die für Johannas Existenz sprechen, nachweisbare Gegenargumente. Dennoch konnte sich die Legende bis heute durchsetzen, weil immer wieder Interessengruppen von einer möglichen Existenz profitieren. So war die Päpstin Johanna für die Reformatoren ein beliebtes Beispiel, um die Unglaubwürdigkeit und Verkommenheit der Römischen Kirche zu untermauern. Heutzutage ist die Legende meist ein Garant für gute Verkaufszahlen.

Die Faszination der Legende

Die Päpstin Johanna verbinden viele mit einer Frau, die es geschafft hat sich mit List in einer männlichen Kirchenwelt durchzusetzen. Sie beweist, dass man mit Klugheit und Wissen gängige Strukturen durchdringen kann. Deswegen ist die Gestalt der Päpstin unabhängig von den Beweisen für die Nichtexistenz noch heute wichtig und steht für eine beeindruckende Emanzipationsgeschichte, die die Menschen immer noch fasziniert. Die Legende von der Päpstin Johanna steht der katholischen Kirche gegenüber, die immer noch keine Frauen in Ämtern wie Priester und Bischof zulässt und zeigt damit eine gewollte Alternative zur männerdominierten katholischen Welt auf.

Zum Weiterlesen und Schauen

Verfechter der Legende:

  • Stanford, Peter: Die wahre Geschichte der Päpstin Johanna. Berlin 2009.
  • Cross, Donna Woolfolck: Die Päpstin. Berlin 1999.

Bestreiter der Legende

  • Döllinger, Johann Josef Ignaz von: Die Papst-Fabeln des Mittelalters. München 1863. URL: https://books.google.de/books?id=GJJqFJFkw1YC&pg=PA3&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false [letzter Zugriff 30.09.2017].
  • Gössmann, Elisabeth: Mulier Papa. Der Skandal eines weiblichen Papstes. Zur Rezeptionsgeschichte der Gestalt der Päpstin Johanna (Archiv für philosophiegeschichtliche und theologiegeschichtliche Frauenforschung 5), München 1994.
  • Groll, Karin: Johanna, angeblich Päpstin [Art.]. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 3 (1992), S. 190-192.
  • Kerner, Max und Herbers, Klaus: Die Päpstin Johanna. Biographie einer Legende. Köln, Weimar, Wien 2010.
  • Schimmerlpfennig, Bernhard: Die Päpstin Johanna – Realität oder Legende? In: Mythen und Legenden in der Geschichte, hg. v. Dotterweich, Volker (Schriften der Philosophischen Fakultät der Universität Augsburg 64), München 2004, S. 39-46.
  • „Die Päpstin“: ein Artikel bei theology.de – Kirche & Theologie im Web. URL: http://www.theology.de/themen/die-paepstin—die-paepstin-johanna.php [letzter Zugriff 30.09.2017].

Aktuelles zu Johanna und der Rolle der Frau in der katholischen Kirche

Bild- und Videonachweis

 

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