Die Erde ist eine Scheibe – Unwissenheit im Mittelalter?

Es heißt oft, dass die Menschen im Mittelalter die Erde für eine Scheibe hielten. Sie hätten mit der Angst gelebt, vom Rand der Erdscheibe ins große, dunkle Nichts zu stürzen. Dabei bestätigten bereits Gelehrte wie Pythagoras und Aristoteles in der Antike, dass die Erde eine Kugel sei. Wenn es so war: Wie konnte es zu diesem wissenschaftlichen Rückschritt kommen?

reise-atlas-teaser-DW-Reise-Leipzig

Segelschiffe am Rand der Erde

Die Antwort dazu ist simpel: Es gab nie einen! Die Behauptung, dass die Menschen im Mittelalter an eine Erdscheibe glaubten, ist schlichtweg ein Mythos.

Ein Irrglaube

Antipoden

Seit einigen Jahrzehnten können Historiker bereits beweisen, dass die Behauptung vom scheibengläubigen Mittelalter falsch ist. Zu ihnen gehört auch Reinhard Krüger, welcher die Erdvorstellungen von 93 spätantiken und mittelalterlichen Gelehrten untersuchte und dabei feststellte, dass nur drei von ihnen die Kugelgestalt der Erde ablehnten.
Zu dieser Minderheit gehörten der ägyptische Mönch Kosmas Indikopleustes und die Kirchenväter Severianus von Gabala und Lactantius.
Letzterer empfand die Behauptung auf einer Erdkugel zu leben als unsinnig, da die Menschen auf der Unterseite (Antipoden genannt) auf dem Kopf stehen müssten.

Oder ist irgendjemand so ohne Verstand, dass er glaubt es gäbe Menschen deren Füße oberhalb ihrer Köpfe seien? Oder dass die Dinge, die bei uns unten liegen, bei ihnen oben hängen, Früchte und Bäume nach unten wachsen, dass Regen, Schnee und Hagel nach oben zur Erde hin fallen?

Ein gebildetes Mittelalter

Weltalldarstellung der Erde aus dem Buch Scivias

Im Allgemeinen glaubten die Gelehrten im Mittelalter an eine kugelförmige Erde. Doch wer denkt, dass diese Erkenntnis nur einem kleinen Kreis vorbehalten war, irrt sich.

Zum einen wurden Versuche unternommen, die antike Kosmologie in die Volkssprachen zu übersetzen, damit auch die lesende Bevölkerung, die kein Latein verstand, sich die Sachkenntnis von der runden Erde aneignen konnte.

Zum anderen gab die Kirche, die aus der heutigen Perspektive oft für wissenschaftsfeindlich im Mittelalter gehalten wird, dieses Wissen an das einfache Volk weiter. Zur Vereinfachung wurde die Erde mit Alltagsgegenständen wie Eiern oder Äpfel verglichen.

Das Universum ist beschaffen wie ein Ei. In der Mitte das Gelbe, das ist die Erde, darum liegt die Dotterhaut, das ist das Wasser, darum das Eiweiß, das ist die Atmosphäre und schließlich folgt die Schale, die so fest ist wie das feste Firmament.

Nicht nur Textquellen widerlegen den Mythos der flachen Erde, sondern auch bildliche Darstellungen. So stellt der Reichsapfel, welchen die Monarchen des Heiligen Römischen Reiches im Mittelalter als Herrschaftszeichen trugen, die Welt als Kugel mit aufgesetztem Kreuz dar.

Auch die mittelalterlichen Weltkarten stellten die Erde nicht als Scheibe dar. Generell sollten sie kein realistisches Abbild der Welt vermitteln, sondern dienten als spirituelle Orientierungshilfe.

page

T-O-Karte – ältester noch erhaltener Globus der Welt: Martin Behaims Erdapfel

Hier stellt sich die Frage, wie bei dieser Vielzahl von Belegen der Mythos der Erdscheibe überhaupt entstehen konnte.

Eine Erfindung der Neuzeit

Der Mythos der flachen Erde ist höchstwahrscheinlich zur Zeit der Aufklärung entstanden. Damals versuchten die Gelehrten, das stark kirchlich beeinflusste Mittelalter besonders rückständig erscheinen zu lassen, damit das „aufgeklärte Zeitalter“ überlegender wirkte – mit Erfolg. Bis heute wird das Mittelalter noch als „finstere“ Zeit angesehen, in der all das Wissen der Antike scheinbar verloren ging.

Selbst in den Geschichtsbüchern des 21. Jahrhunderts wird die mittelalterliche Erdscheibentheorie gelehrt. Wahrscheinlich wird also noch viel Zeit vergehen, bis dieser und weitere Mythen über das Mittelalter aus den Köpfen der Menschen verschwinden werden.

Beitrag über den Mythos der Erdscheibenvorstellung im Mittelalter: Minute 31:06-37:20.

 

Bild- und Videoquellen:

 

Internetlinks:

Zum Weiterlesen:

  1. Burton Russell, Jeffrey: Inventing the Flat Earth. Columbus and modern historians, New York, Westport, London 1991.
  2. Krüger, Reinhardt: moles globosa, globus terrae und arenosus globus in Spätantike und Mittelalter: Eine Kritik des Mythos an der Erdscheibe, Berlin 2012.
  3. Krüger, Reinhard: „Ein Mythos der Moderne: Die Erdscheibentheorie im Mittelalter und die Verfälschung des Hexaemeron des Basilius von Caesarea durch Bernard de Montfaucon (1706)“, in: Mittellateinisches Jahrbuch, 35, II (2001), S. 27-54.
  4. Simek. Rudolf: Erde und Kosmos im Mittelalter. Das Weltbild vor Kolumbus, München 1992.
  5. Wolf, Jürgen: Die Moderne erfindet sich ihr Mittelalter – oder wie aus der „mittelalterlichen Erdkugel“ eine „neuzeitliche Erdscheibe“ wurde, Stuttgart 2004.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s