„Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ – Marie Antoinette?

Wie kaum eine andere bringt diese Aussage das Unwissen und Desinteresse des französischen Adels am Leben der einfachen Bevölkerung auf den Punkt. Es wird der krasse Unterschied deutlich zwischen dem luxuriösen Leben der Menschen auf Schloss Versailles und dem armen, hungernden Volk kurz vor der Französischen Revolution. Gesagt haben soll diesen Satz die französische Königin Marie Antoinette. Heute ist sie ein Symbol für die Entfernung vom herrschenden Adel zum Volk. Und genau wie heute war sie auch schon zu ihrer Zeit besonders für ihr ausschweifendes Luxusleben bekannt.

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Marie Antoinette, 1762

Ankunft in Versailles

Geboren wurde Marie Antoinette am 2. November 1755 in Wien als Erzherzogin Maria Antonia Josephine Johanna. Ihr Vater war Kaiser Franz I., ihre Mutter Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich. Ihre Heimat, Schloss Schönbrunn, musste sie verlassen, als sie 14 Jahre alt war, um den Dauphin, den französischen Thronfolger Louis-Auguste, zu heiraten.

Die Hochzeit fand in Versailles statt und Maria Antonia wurde als Marie Antoinette offiziell Teil des großen französischen Hofs. Hier machte sie sich anfangs aber eher unbeliebt, weil ihr das strenge Hofzeremoniell übertrieben vorkam und sie sich der Etikette in Versailles nicht ganz anpassen wollte. Das brachte ihr den Ruf ein, ungebildet und arrogant zu sein.

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Die Hochzeit von Louis-Auguste und Marie Antoinette, 1770

Das neue Königspaar

Als vier Jahre später Ludwig XV. verstarb, wurde Marie Antoinette an der Seite ihres Ehemanns König Ludwig XVI. Königin von Frankreich, was in Paris und Umgebung zu einer regelrechten Euphorie führte. Denn das Volk und auch der Adel erhoffte sich von

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Ludwig XVI. im Krönungsornat, 1779

dem neuen Königspaar eine bessere Finanzwirtschaft und einen Wirtschaftsaufschwung. Aber lange hielt diese Euphorie nicht an. Es stellte sich heraus, dass Ludwig XVI. kein großes Geschick beim Regieren hatte und er seine Repräsentationspflicht als absolutistischer Herrscher immer mehr vernachlässigte. Auch seine Frau war ihm keine große Hilfe, denn sie interessierte sich kaum für Politik.

Ganz in der Tradition des Sonnenkönigs führte auch Ludwig XVI. ein riesiges Haus, das ungeheure Summen verschlang. Dauerhaft mussten mehr als 15.000 Menschen versorgt werden, darunter allein die 6.000 Bedienstete der königliche Familie. Und dazu kamen noch die zahllosen Gäste, die in Versailles bewirtet wurden. Ihnen wurde das Versailler Hofleben mit Festessen, Bällen, Opern, Ballet- und Theateraufführungen, Empfängen, Feuerwerken und Konzerten präsentiert. Aber trotz des Einsatzes dieser hohen Summen funktionierte das System der Repräsentation kaum noch, die absolute Monarchie in Versailles drohte in sich zusammenzufallen. Versailles wurde immer weniger als Zentrum der politischen Macht wahrgenommen.

 

Das It-Girl Marie Antoinette

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Marie Antoinette, 1778

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Marie Antoinette, 1779

Auch das gesellschaftliche Leben bei Hofe veränderte sich. Die Hofgesellschaft bestand immer mehr aus jüngeren Menschen mit neuen Erwartungen, denen das steife Hofzeremoniell in Versailles nicht mehr gerecht wurde. Aber genau das gelang Marie Antoinette, die ja seit ihrer Ankunft in Frankreich die Etikette in Versailles für lächerlich und übertrieben hielt. Sie diktierte die Regeln der neuen höfischen Welt. Wer in ihrer Gunst stieg, stieg im gesellschaftlichen Leben auf. Anhänger der alten Etikette wurden ausgeschlossen, weil sich die Königin vor allem mit jungen Menschen umgab und dabei auch Mitglieder des niederen Adels in ihre Kreise aufnahm. Marie Antoinette gab der höfischen Gesellschaft die Möglichkeit, den steifen Konventionen zu entfliehen und sich unkonventionellen Vergnügungen hinzugeben.

Marie Antoinette wurde zum ‚It-Girl‘ des vorrevolutionären Frankreichs. Unsummen gab sie für Kleider, Schuhe und Schmuck aus und setzte Trends mit allem, was sie trug. Hohe Frisuren, ausladende Kleider, Reifröcke mit vier Metern Umfang, Samt, Seide und Brokat. Ihre Garderobe wechselte ständig und wer dazugehören wollte, musste der neuen Mode folgen, was nicht für wenige den finanziellen Ruin bedeutete.

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Blick auf das Petit Trianon, 1789

Eine eigene Welt

Ihr persönlicher Rückzugsort wurde das „Petit Trianon“, ein kleines Schloss im Garten von Versailles. Nur ihre engsten Freunde hatten Zugang und jegliche Etikette wurde hier aufgehoben. Fernab vom Versailler Schloss richtete sie sich nach ihrem Geschmack ein. Den umgebenden Garten ließ sie zu einer ländlichen Idylle umgestalten und sogar ein Bauerndorf mit strohgedeckten Hütten nachbauen, das Hameau de la Reine (dt.: Weiler der Königin) genannt wurde. Hier spielte sie das Landleben gemäß ihrer eigenen Vorstellung nach und konnte sich in ein scheinbar bäuerliches Leben zurückziehen, fern von ihren Verpflichtungen. Aber natürlich ohne auf die gewohnten Annehmlichkeiten zu verzichten.

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Blick auf Hameau de la Reine, 1786

Niedergang des It-Girls und Ausbruch der Revolution

Während die Königin sich also ihren kostspieligen persönlichen Vergnügungen hingab, wurde immer mehr Kritik an ihrer Person laut. Und das nicht nur unter den ausgegrenzten Adligen. Der an Verschwendung grenzende Aufwand, den Marie Antoinette zur eigenen Unterhaltung betrieb, brachte auch das Volk gegen sie auf. Denn Frankreich steuerte auf einen Bankrott zu und es half ihrem Ruf nicht, dass die Königin ungeheure Summen ausgab und dabei auf keine Stimme der Vernunft hören wollte. Aus dem It-Girl Marie Antoinette wurde für die immer lauter werdenden Gegner des Ancien Régime ein Symbol für Ausschweifung und Luxus.

Nach mehreren Missernten hungerten die Menschen auf dem Land und es kam vor allem in Paris zu Aufständen gegen die hohen Brotpreise. In der Folge erklärte sich der Dritte Stand im Juni 1789 zur verfassungsgebenden Nationalversammlung, womit die Monarchie faktisch abgeschafft war. Nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 war die Revolution nicht mehr aufzuhalten. Marie Antoinette und ihre Familie mussten Versailles verlassen, versuchten zu fliehen und kamen schließlich in Paris in Gefangenschaft. Am 16. Oktober wurde Marie Antoinette auf dem heutigen Place de la Concorde in Paris durch die Guillotine hingerichtet.

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Die Hinrichtung von Marie Antoinette am 16. Oktober 1793

„Lasst sie doch Kuchen essen.“

Den Satz „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“, hat Marie Antoinette allerdings so wohl nie gesagt. Erstmals lässt er sich in dem 1789 veröffentlichten, aber lange vorher geschriebenen Werk des Philosophen Jean-Jaques Rousseau finden: „Endlich erinnere ich mich an die [Aussage] einer großen Prinzessin, der man sagte, dass die Bauern kein Brot hätten, und die antwortete: So lasst sie doch Kuchen essen.“ Die Aussage entstand also vor Marie Antoinettes Ausschweifungen in Versailles. Natürlich passen die Worte perfekt zu der französischen Königin und ihrem Leben vor der Revolution. Denn sie spiegeln genau die Einstellung der gelangweilten und desinteressierten Adligen wider und hätten deshalb auch gut am Versailler Hof entstanden sein können. Wahrscheinlich werden sie genau deswegen bis heute Marie Antoinette zugeschrieben.

Zum Weiterlesen

  • Castelot, André: Marie Antoinette. Von Versailles zur Guillotine, Wien 1989.
  • Herre, Franz: Marie Antoinette. Vom Königsthron zum Schafott, Stuttgart u.a. 2004.
  • Lachenicht, Susanne: Die Französische Revolution, Darmstadt 2012.
  • Schreiber, Hermann: Marie Antoinette. Die unglückliche Königin, München 1988.
  • Taeger, Angela: Ludwig XVI. (1745-1793). König von Frankreich, Stuttgart 2006.
  • http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/index-2010-1.html

Quelle

  • Rousseau, Jean-Jacques: Die Bekenntnisse. Aus dem Französischen von Levin Schücking, Köln 2014, S. 321.

Bildnachweise

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