Ist der Holocaust ein Mythos?

„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ (Bundespräsident Richard von Weizsäcker, 8. Mai 1985)

2001 nannte Wilhelm von Gottberg, inzwischen Mitglied des Bundestages für die AfD, den Holocaust einen „Mythos“ und ein „wirksames Instrument zur Kriminalisierung der Deutschen und ihrer Geschichte„. Auch sein Parteigenosse Björn Höcke forderte am 17. Januar 2017 ein Umdenken in der Erinnerungspolitik Deutschlands, indem er das Holocaust-Mahnmal in Berlin als ein „Denkmal der Schande“ und die oben zitierte Rede von Weizsäcker bezeichnete er als „Rede gegen das eigene Volk“:

Rede Björn Höckes in Dresden am 17. Januar 2017

So gesehen scheint die Leugnung oder zumindest Verharmlosung des Holocaust wieder salonfähig geworden zu sein. Im Gegensatz dazu hat der Bundesgerichtshof 1994 festgelegt, dass der Holocaust als anerkannte geschichtliche Tatsache vor Gericht nicht mehr bewiesen werden muss. Seine Leugnung ist seitdem ein Verbrechen. Auch gibt es keine Historiker, die Zweifel daran haben, dass der Holocaust stattgefunden habe. Wer hat nun Recht?

Was ist der Holocaust?

Holocaust Def.png eigene Darstellung, basierend auf: http://www.antisemitismus.net/shoah/holocaust.htm

Als Holocaust bzw. Shoah oder dritten Churban bezeichnet man den organisierten Völkermord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten. Der Völkermord an den Juden wird dabei von anderen Völkermorden durch die bürokratische Sorgfalt, mit dem er betrieben wurde, unterschieden. Während eine genau Zahl der Opfer nicht zu bestimmen ist, gehen Historiker von etwa 6 Millionen Todesopfern aus. Das waren Zweidrittel allerJuden in Europa. Obwohl auch viele deutsche Juden ums Leben kamen und sie besonders unter der anfänglichen Ausgrenzung zu leiden hatten, stammte ein Großteil der Todesopfer aus den besetzten osteuropäischen Ländern. Auch aus den besetzten west- und nordeuropäischen Ländern sowie aus Nordafrika wurde deportiert.

Karte der Arbeits- und Vernichtungslager und Deportationswege im von Deutschland besetzten Europa um 1942

Die Maßnahmen zur „Klärung der Judenfrage“, wie es die Nationalsozialisten nannten, begannen zunächst mit der systematischen Ausgrenzung der Juden aus dem wirtschaftlichen und sozialen Leben. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die sogenannte „Reichskristallnacht„. Später wurde immer mehr der jüdischen Bevölkerung in Arbeits– und Konzentrationslager deportiert, wo sie in arbeitsfähige und arbeitsunfähige Menschen „sortiert“ wurden. Kranke, Alte, Schwangere und Kinder wurden meist sofort getötet, während die anderen unter harten Bedingungen bis zur Erschöpfung arbeiten mussten. Besonders in Osteuropa gab es auch zu diesem Zeitpunkt immer wieder Pogrome, bei denen viele Menschen wahllos ermordet wurden. Schließlich beschlossen die Nationalsozialisten 1943 die sogenannte „Endlösung“, die die Vernichtung aller Juden vorsah. Große Menschengruppen wurden in Massenerschießungen, in den Gaskammern der Konzentrationslager und auf Todesmärschen ermordet.

Wer leugnet den Holocaust?

Betrachtet man die Belege zum Holocaust, seien es Zeitzeugenberichte, Fotos aus den Arbeits- und Konzentrationslagern oder Akten der Nationalsozialisten zur Durchführung des Völkermordes, scheint die Leugnung dieser Verbrechen unmöglich. Dennoch gab es bereits ab Ende des 2. Weltkrieges immer wieder Menschen, die ihre Existenz geleugnet haben. Holocaust-Leugnung ist dabei kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Die Holocaust-Leugnung ist Teil des Geschichtsrevisionismus (missverständlich auch nur Revisionismus genannt), dessen Vertreter das Ziel haben, den Nationalsozialismus im Allgemeinen zu verharmlosen, zu rechtfertigen oder zu entkriminalisieren. Dabei versuchen sie ihre Position als fakten-basierte wissenschaftliche Position darzustellen.

Holocaustleugner des Ku Klux Klan in Amerika

Holocaust-Leugner sind zunächst einmal ehemalige Täter wie der nationalsozialistische Politiker Julius Streicher, der Nazi-General Otto Ernst Remer und der SS-Offizier Thies Christophersen sowie Verwandte von Tätern wie Remers Witwe Anneliese Remer. Sie haben wohl im Sinne ihrer eigenen Rehabilitierung das größte Interesse, den Völkermord zu leugnen. Aber auch Menschen, die zur NS-Zeit noch Kinder waren und somit mit der NS-Ideologie aufgewachsen sind,  so zum Beispiel der rechtsradikale Verleger Udo Walendy und das ehemalige NPD-Mitglied Günter Deckert, gehören zur geschichtsrevisionistischen Bewegung. Ebenso finden sich in ihren Reihen Menschen, die erst nach dem 2. Weltkrieg geboren wurden, wie der Schweizer Jürgen Graf und die Rechtsanwältin Sylvia Stolz.

Wie bereits erwähnt, begrenzt sich dieses Phänomen nicht auf den deutschsprachigen Raum. Es hat unter anderem auch prominente Anhänger in Großbritannien (Richard Verrall, David Irving), den USA (u.a. Arthur R. Butz und Richard B. Spencer), in Frankreich (Paul Rassinier) und den Ländern im Nahen Osten, wobei sich die Bewegung auch dadurch verbreitet, dass Leugner vor der Strafverfolgung fliehen. Geeint werden die Holocaust-Leugner weltweit durch ihre antisemitischen Überzeugungen.

Welche Argumente haben die Leugner?

Die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust bezieht sich vor allem auf die folgenden fünf Argumente:

  1. Ein weit verbreitetes Dokument in den Kreisen der Holocaust-Leugner ist der „Leuchter-Report“. Dieser Bericht besagt, dass in den Gaskammern von Auschwitz (das wegen seiner Bekanntheit immer wieder stellvertretend für alle Holocaust-Verbrechen genannt wird), kein Gas nachweisbar sei. Der Amerikaner Fred Leuchter hatte 1988 illegal Proben aus den Gaskammern entnommen und kurz darauf den Report als Gutachten im Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Zündel vorgelegt. Dieses Gutachten wird auch heute noch in rechtsradikalen Schriften zitiert, obwohl es auf mehrere Arten entkräftet wurde. Unter anderem wurde noch im ursprünglichen Prozess bewiesen, dass Leuchter über seine Ausbildung gelogen hatte: er war nicht wie behauptet Ingenieur und konnte keine „Fachkenntnisse in Physik, Chemie oder Pharmakologie nachweisen“ (Zitat aus Till Bastian: Auschwitz und die „Auschwitz-Lüge“, S. 80). Auch seine Behauptung, dass in den Gaskammern keine Rückstände von Giftgas zu finden seien, wurde bereits durch das Krakauer Gutachten 1945 widerlegt.
  2. Auch die „6 Millionen Lüge“ bezieht sich auf das Lager Auschwitz-Birkenau. Bis 1990 besagte die Gedenktafel vor dem Lager, dass dort 2,8 bis 4 Millionen Menschen gestorben seien. Dass diese Zahl inzwischen von Historikern widerlegt wurde, nutzte Leugner, um die Gesamtopferzahl anzuzweifeln, unabhängig davon, dass die Neuberechnungen eine Opferzahl von bis zu 1,5 Millionen ergeben. Auch unabhängig von den Zahlen in Auschwitz geben Geschichtsrevisionisten immer wieder niedrigere Zahlen an und beziehen sich dabei auf angebliche Berechnungen der UNO und des IKRK. Keine der beiden Institutionen hat jedoch jemals Zahlenangaben zur Opferzahl veröffentlicht. Auch der Hinweis, dass es kaum schriftliche Beweise für die geplante Vernichtung gebe, scheint zynisch, da diese Unterlagen bei Kriegsende von den Nationalsozialisten selbst zerstört wurden, um Spuren zu verwischen.
  3. Ein dritter Ansatzpunkt ist der fehlende schriftliche Befehl von Hitler. Weil der Führer kein direktes Dokument unterzeichnet hätte, habe es auch keinen Holocaust gegeben, so die Argumentation. Laut David Irving könne man deswegen zumindest nicht von einem von oben geplanten Völkermord ausgehen. Auch wenn es keinen expliziten Befehl gab, lässt sich aus den Äußerungen hochrangiger Nationalsozialisten, darunter auch Reden von Adolf Hitler selbst, sowie aus Dokumenten der Wannseekonferenz, klar erkennen, dass ein geplanter Völkermord stattfand. Uneinig sind sich Historiker bei der Frage, ob dieser Entschluss von Anfang an bestand oder erst später zur „Lösung der Judenfrage“ bestimmt wurde.
  4. Neben der Leugnung und Verharmlosung wird der Holocaust auf zwei Arten relativiert. Zunächst ist da die Behauptung, dass es bereits 1933 eine Kriegserklärung von jüdischer Seite aus gegeben hätte und somit alle gefangenen und getöteten Juden Kriegsgefangene gewesen wären. Diese Annahme stützt sich überwiegend auf drei Dokumente: Erstens auf einen Brief des Chefs der Zionistischen Weltorganisation, der im Falle eines Krieges die Mithilfe seiner Organisation auf britischer Seite versprach. Die NS-Presse deutete dies als Erklärung des von ihnen beschworenen „Weltjudentums„. In der Tat sprach er aber nur für maximal 6% der jüdischen Weltbevölkerung und ja auch nur für den Fall eines Krieges. Zweitens auf NS-Presseberichte über das Buch „Germany must perish!“von Theodore Kaufman, einem angeblichen Vertrauten des amerikanischen Präsidenten, das die Vernichtung des deutschen Volkes forderte. Zwar stimmt die grundsätzliche Aussage über Kaufmans Äußerungen, nicht jedoch der Kontext. Mit ein wenig Nachforschung wird nämlich klar, dass Kaufman ein weitgehend unbekannter Büroangestellter war, außerdem erschien „Germany must perish!“ im Eigenverlag. Es ist nicht nachweisbar, dass er auf irgendeine Art und Weise mit der amerikanischen Regierung in Kontakt stand. Drittens wird die Konferenz von Jalta und ein vorher vom amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau Jr. vorgeschlagener Plan zur Behandlung Deutschlands nach dem Krieg. Dass dieser Plan zwar diskutiert, aber bald „als Verbrechen gegen die Zivilisation“ (Zitat nach Bernd Greiner, in: Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, S. 12) verworfen wurde, wird von den Geschichtsrevisionisten nicht erwähnt.
  5. Schließlich wird der Mord an den europäischen Juden immer wieder mit den deutschen Zivilopfern im 2. Weltkrieg verglichen und somit relativiert. Zum einen wird dabei auf die Kriegsverbrechen der Alliierten verwiesen. Der Historiker Wolfgang Benz stellt hierzu fest, dass auf beiden Seiten Kriegsverbrechen begangen wurden. Zum anderen wird die Grausamkeit bei der Vertreibung Deutscher aus den Ostgebieten hervorgehoben. Dass diese Gebiete zum Teil erst kurz zuvor erobert wurden bzw. wie brutal die Nationalsozialisten mit der osteuropäischen Bevölkerung im Allgemeinen umgingen, wird in der geschichtsrevisionistischen Debatte nicht einbezogen. Des weiteren ist die Bombardierung Dresdens 1945 ein Argument für das Unrecht, das den Deutschen im 2. Weltkrieg widerfahren sei – so auch in Andeutung in der oben zitierten Rede von Björn Höcke. Die Zahl der Opfer wird dabei oft bewusst zu hoch angesetzt. Unabhängig von der Frage, ob diese Bombenangriffe als Kriegsverbrechen zu werten sind, haben sie keine direkte Verbindung zum Holocaust. Sie in diesem Zusammenhang ins Spiel zu bringen ist also eindeutig eine Taktik der Relativierung deutscher Taten.

Fazit

Zum Holocaust und zum Nationalsozialismus im Allgemeinen gibt es inzwischen umfassende Forschungen. Die geschichtsrevisionistische Bewegung ignoriert die Belege dieser Forschungen zugunsten von eigenen pseudowissenschaftlichen Beweisen wie dem Leuchter-Report, sie deutet Dokumente im Sinne ihrer Überzeugung um und verfälscht Opfer- und Täterzahlen. Dies gilt sowohl für die hier angeführten Beispiele als auch für zahlreiche andere Ansatzpunkte der Legenden um den Nationalsozialismus.

Die Behauptung, dass der Holocaust zu einem Mythos sei, ist also ganz klar eine Lüge, die auf falschen Beweisen beruht, um die Erinnerungspolitik Deutschlands zu verändern.

Zum Weiterlesen und Quellen in Buchform:

Bastian, Till: Auschwitz und die „Auschwitz-Lüge“, Nördlingen 2016 (6. Aufl.).

Bailer-Galanda, Brigitte/ Benz, Wolfgang/ Neugebauer, Wolfgang (Hg.): Die Auschwitzleugner, Berlin 1996.

Benz, Wolfgang/ Reif-Spirek, Peter (Hg.): Geshichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, Berlin 2003.

Diner, Dan: Beyond the Conceivable. Studies on Germany, Nazism, and the Holocaust, S. Berkeley/Los Angeles/London 2000.

Klotz, Johannes/ Schneider, Ulrich (Hg.): Die selbstbewußte Nation und ihr Geschichtsbild. Geschichtslegenden der Neuen Rechten, Köln 1997.

Lipstadt, Deborah E.: Leugnen des Holocaust. Rechtsextremismus mit Methode, Reinbek 1996.

Morsch, Günter/ Perz, Betrand/ Ley, Astrid: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Historische Bedeutung, technische Entwicklung, revisionistische Leugnung, Berlin 2011.

Pohl, Dieter: Holocaust. Die Ursachen -das Geschehen – die Folgen, Freiburg im Breisgau 2000.

Ries, Henry: Abschied meiner Generation, Berlin 1992. (Zeitzeugenberichte)

Schneider, Richard Chaim: Fetisch Holocaust. Die Judenvernichtung -verdrängt und vermarktet, München 1997. (über die Nachwirkungen der Holocaust)

Wistrich, Robert S.: Hitler und der Holocaust, Berlin 2003.

Wistrich, Robert S. (Hrsg.): Holocaust Denial. The Politics of Perfidy, Berlin/Boston/Jerusalem 2012.

Zum Weiterlesen und -schauen im Internet:

http://www.sebastian-bartoschek.de/cms/topics/holocaustleugnung-auschwitz-luege.php

http://www.judentum-projekt.de/geschichte/nsverfolgung/auschwitzluege/

http://www.bento.de/today/sean-spicer-hitler-hat-kein-gas-gegen-seine-eigenen-leute-eingesetzt-bitte-was-1302701/ (aktuelle Auswirkungen der Leugnung)

http://www.tagesspiegel.de/wissen/diskussion-ueber-befehl-zum-judenmord-ohne-den-fuehrer-kein-holocaust/12846936.html

https://www.ushmm.org/confront-antisemitism/holocaust-denial-and-distortion (Englisch)

https://www.adl.org/blog/the-jewish-gas-chamber-hoax-holocaust-denial-eric-hunt (Artikel zum antisemitischen Film „The Jewish Gas Chamber Hoax“ – auf Englisch)

http://kernelmag.dailydot.com/features/report/exclusive/6086/new-amazon-shame-holocaust-denial/ (zur Präsenz von Holocaust-Leugnung im Internet – auf Englisch)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article163332505/AfD-Holocaust-Leugner-kein-Grund-fuer-Aenderung-der-Bundestagsregeln.html (Video)

https://www.emaze.com/@AOFTQCTF, by Jadyn.keo (Englisch)

US Holocaust Memorial Museum – The Path to Nazi Genocide (Dokumentation – auf Englisch):

Bild-& Videoquellen: 

https://en.wikipedia.org/wiki/File:KKK_holocaust_a_zionist_hoax.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager#/media/File:WW2_Holocaust_Europe_map-de.png

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:The_Holocaust_in_art#/media/File:Inside_Out.jpg (Titelbild: Inside Out by Dzeni)

„Rede Björn Höcke Dresden live bei der Jungen Alternative – Dresdner Gespräche“: https://www.youtube.com/watch?v=WWwy4cYRFls&feature=youtu.be

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