Wie „finster“ war das Mittelalter wirklich?

In der Vorstellung vieler moderner Menschen war das Mittelalter (ca. 500 – 1500 nach Christus) eine Zeit der edlen Ritter und großen Helden (Bild 1). Davon zeugen auch die heutzutage noch vielerorts stattfindenden Mittelalterfeste, auf welchen das damalige Leben und das Rittertum nachempfunden werden sollen. Viele Menschen glauben aber auch, dass es ein barbarisches und dunkles Zeitalter war. Selbst heute noch spricht man im Zusammenhang mit Folterungen und unmenschlichem Verhalten von „mittelalterlichen“ Zuständen. Die Menschen sollen damals von KriegenKrankheiten, Ungerechtigkeit und Folter geplagt worden sein sowie mit Hunger und Armut zu kämpfen gehabt haben. Der Iran reagierte vor kurzem auf eine aggressive Rede des amerikanischen Präsidenten mit der Aussage, „Diese Äußerungen gehören ins Mittelalter.“ Aber entspricht diese offenbar weit verbreitete Vorstellung von einer brutalen und rückständigen Epoche tatsächlich der Realität oder haben wir ein „verdunkeltes“ Bild vom Mittelalter?

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Bild 1: Schlacht von Azincourt. (1415)

Tatsächlich empfanden die mittelalterlichen Menschen ihr Leben sehr wahrscheinlich nicht als rückständig oder besonders grausam. Erst in der Renaissance, also in der Zeit nach dem Mittelalter (Bild 2), wurde es von den Menschen als „düster“ und „finster“ bezeichnet. Diese Meinung kommt allerdings weniger von Krankheiten oder Kriegen. Diese gab es auch in der Renaissance. Der Trugschluss basiert vielmehr darauf, dass die Antike (ca. 800 v. Chr. – 500 n. Chr.), also das Zeitalter vor dem Mittelalter, als eine Epoche der grundsätzlich klügeren Gelehrten und Philosophen und geschickteren Handwerker gesehen wurde. In der Antike brachten unter anderem die griechischen Philosophen grundlegende Philosophien hervor, welche bis heute Bestand haben, und die Römer erschufen große Bauwerke, wie das Kolosseum in Rom. Diese Baukünste und das antiken Wissen gingen im Mittelalter, nach Ansicht der in der Renaissance lebenden Menschen, verloren. Aufgrund dieses gefühlten Niedergangs der Bildung und Gesellschaft nannten sie das Mittelalter „finster“.

Zeitstrahl

Bild 2: Zeitstrahl – Das Mittelalter zwischen Antike und Neuzeit

Wissen und Technik

Doch auch das Mittelalter hat große Erfindungen und neue Ideen hervorgebracht. Beispielsweise revolutionierte der Buchdruck das Kopieren und Verbreiten von Schriften und ermöglichte so einen einfacheren Austausch von neuen Ideen und Wissen. Wichtige Ereignisse wie die Reformation der christlichen Kirche durch Martin Luther hätten sich ohne diese Erfindung sicherlich nicht so schnell und nachhaltig ausbreiten können. Die Erfindung des Buchdrucks im Mittelalter prägt unsere Gesellschaft durch Bücher und Zeitungen bis heute.

Die Einführung des Kompasses förderte wiederum die Seefahrt und den damit verbundenen Handel stark. Hierdurch wurde der Austausch von Waren und Techniken zwischen entlegenen Regionen, wie Asien und Europa, verbessert. Des Weiteren wurden in dieser Epoche die Brille, das Schwarzpulver, die Papierherstellung, die Dreifelderwirtschaft und der Webstuhl entwickelt. Sie alle haben auf die ein oder andere Weise das Leben der Menschen im Mittelalter verbessern können und sind bis heute sehr wichtige Bestandteile unserer Gesellschaft.

Auch wurde die erste Universität Europas bereits 962 n. Chr. in Italien gegründet. Vor allem im Mittelmeerraum kam es zu zahlreichen Universitätsgründungen. Hier wurden neue Ideen der Religion, Kunst und Philosophie gedacht und diskutiert. Es kann also kaum die Rede davon sein, dass das Mittelalter eine rückständige Zeit ohne Fortschritt gewesen sei. Darüber hinaus waren die Handwerker und Baumeister des Mittelalters keineswegs weniger erfinderisch oder untalentierter als jene aus der Antike.

 

Pest und Bevölkerungsentwicklung

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Bild 3: Begräbnis von Opfern der Beulenpest. (14 Jahrhundert)

Die wohl bekannteste Krankheit des Mittelalters ist die Pest, welche ab dem 14. Jahrhundert in mehreren Krankheitswellen über Europa hereinbrach. Ihr fiel ein großer  Teil der Bevölkerung zum Opfer und starb (ca. 30%).  Der von ihr hervorgerufene Schrecken ist zudem noch bis heute in dem Sprichwort „Ich hasse es wie die Pest!“ greifbar. In vielen heutigen Darstellungen wird allerdings der Eindruck erweckt, dass die Pest über die gesamte Zeit des Mittelalters, also etwa 1000 Jahre lang, permanent verbreitet war. Die heute wohl bekannteste Darstellung ist die schnabelförmige Schutzmaske der Ärzte und Pfleger, welche gruselig und dunkel aussah und dadurch  dazu beitrugen, dass das Mittelalter als eine „finstere“ Epoche wahrgenommen wurde. Solche Masken wurden allerdings auch noch in der Neuzeit getragen.

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Bild 4: Doktor Schnabel von Rom (1656, Darstellung aus der Neuzeit)

Die Annahme ist jedoch nicht richtig, dass sich solche Zustände über das gesamte Jahrtausend des Mittelalters hingezogen und es zu einer „finsteren“ Zeit gemacht hätten. Ein weiteres Vorurteil über das Mittelalter ist die mangelhafte Hygiene, welche Krankheiten wie die Pest gefördert haben soll. Die Pest hatte durchaus verheerenden Einfluss auf die mittelalterlichen Menschen und ihr Leben. So konnte bei ihrem Auftreten ein großer Teil des sozialen Lebens zusammenbrechen, da viele Menschen starben und andere den Kontakt zu ihren Nachbarn und Freunden abbrachen. Sie hofften, auf diese Weise einer Ansteckung zu entgehen. So berichtete 1348 der italienische Schriftsteller und Dichter Giovanni Boccaccio:

„Wir wollen darüber schweigen, dass ein Bürger den anderen mied, dass fast kein Nachbar für den anderen sorgte und sich selbst Verwandte gar nicht oder nur selten und dann nur von weitem sahen. […] Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen – als ob sie nicht die ihren wären…“  

Zitat aus: Boccaccio: Il decamerone.

Aber wie die meisten Krankheiten verlief auch die Pest in zeitlichen Wellen. Sie war nicht immer und überall sondern nur manchmal und nur in bestimmten Regionen verbreitet. Vor allem der Süden Europas wurde sehr stark von der Pest getroffen, da hier ein großer Teil des Seehandels zur Verbreitung der Krankheit beitrug und viele Menschen in Städten lebten. Der enge Lebensraum und die vielen Kontakte mit Menschen halfen der Pest bei ihrer Ausbreitung. Einige dünn besiedelte Regionen im Nordosten blieben hingegen fast vollständig von der Pest verschont. Vor 1347 war sie in Europa sogar gänzlich unbekannt.

Also trat die Pest erst 153 Jahre vor dem Ende des Mittelalters erstmals auf. Ein großer Teil der Pest-Geschichte fällt somit in die Zeit der Renaissance und über diese hinaus. Ihr Auftreten endete in Europa erst im 18. Jahrhundert. Die Pest hat somit weder das Leben des gesamten Mittelalters geprägt noch war sie nur in dieser Epoche verbreitet. Im Jahr 1000 lebten ca. 38 Mio. Menschen im heutigen Europa. Ihre Zahl hatte sich bis zum Ausbruch der Pest 1347 auf ca. 76 Mio. verdoppelt. Und obwohl etwa ein Drittel der europäischen Bewohner zwischen 1347 und 1352 n. Chr. an der Pest starben, also ca. 25 Millionen, erholten sich die Bevölkerungszahlen erstaunlich schnell. Zum Ende des Mittelalters waren es schon wieder etwa 81,2 Millionen Menschen.

Ergebnis

Diese Zahlen und die oben beschriebenen Erfindungen zeigen deutlich, dass das Mittelalter grundsätzlich eine Zeit des Wachstums und der neuen Ideen war. Es kann keine Rede von einem „finsteren“ Mittelalter sein, welches ausschließlich von der Pest, Kriegen und rückständigem Denken geprägt war. Diese Vorstellung ist erst später entstanden, aber hält sich bis heute hartnäckig.

 

Zum Weiterlesen und -schauen:

Erfindungen:

Pest:

Das Mittelalter:

Literatur:

  • Knefelkamp, Ulrich: Das Mittelalter. Geschichte im Überblick, Paderborn 2002.
  • Schneider-Ferber, Karin: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter, Stuttgart 2009.
  • Seibt, Ferdinand: Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte, Berlin 1987.

Filmquellen:

Bildquellen:

  • Anzeigebild und Bild 3: Gilles Li Muisis (Chronist), 14. Jahrhundert, Begräbnis von Opfern der Beulenpest in Tournai, entnommen aus: Wikimedia, Link zum Bild.
  • Bild 1: Enguerrand de Monstrelet (Chronist), 15. JahrhundertDie Schlacht von Azincourt, entnommen aus: Wikimedia, Link zum Bild.
  • Bild 2: Zeitstrahl – Das Mittelalter zwischen Antike und Neuzeit. Eigenständig erstellt, Informationen entnommen aus: Knefelkamp: Mittelatler, Paderborn 2002.
  • Bild 4: Columbina, I. (Zeichner); Fürst, Paul (Kupferstecher), 1656, „Doktor Schnabel von Rom“, entnommen aus: Wikimedia, Link zum Bild.

 

 

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