Mord an der Zarenfamilie – hat Tochter Anastasia überlebt?

1917 – Das Ende des Zarenreichs

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Zar Nikolaus II.

Die Gesellschaft und die Welt rund um Russland veränderten sich – jedoch nicht die Politik des russischen Herrschers, Zar Nikolaus II., der Russland von 1884 bis zu seiner Abdankung 1917 regierte.
Viele Bauern zog es in die Städte, um dort in den neu entstehenden Fabriken und Industrieanlagen Arbeit zu finden. Jedoch erfüllte sich nicht für alle Arbeiter der Traum vom Wohlstand: Verelendung und Armut waren die Folge der massenhaften Einwanderung in die Städte Russlands. Die Unzufriedenheit mit der Regierung des Zaren wuchs von Jahr zu Jahr, sodass Aufstände gegen die Regierung keine Seltenheit waren.
Nachdem sich Aufstände und Unzufriedenheit über längere Zeit nicht beruhigt hatten, gewährte der Zar im Jahr 1906 Wahlen zu einem Parlament, der Duma. Bereits kurze Zeit später, als sich die Unzufriedenheit mit seiner Herrschaft zu legen schien, nahm er die gewährten Rechte wieder zurück. Die Stimmung in der Bevölkerung gegen die Herrschaft des Zaren wurde erneut lauter.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte nicht nur verheerende Niederlagen der russischen Armee, sondern auch Lebensmittelknappheit auf dem Land und in den Städten zur Folge. Nachdem auch die Armee dem Herrscher die Gefolgschaft verweigert hatte, sah sich der Zar Ende Februar 1917 zu seiner Abdankung gezwungen und beendete die rund 300-jährige Herrschaft der Familie Romanow, wie die Zarenfamilie mit bürgerlichem Namen hieß.
Die Macht in Russland übernahm zunächst eine Übergangsregierung, die zur Aufgabe hatte, auf schnellstem Wege eine verfassungsgebende Versammlung einzuberufen, auf der die zukünftige Staatsform Russlands entschieden werden sollte. Diese Versammlung sollte jedoch niemals zuammenkommen, da die Bolschewiki, eine Gruppe radikaler Marxisten, im Oktober/November 1917 gewaltsam die Macht ergriffen und die Pläne der Übergangsregierung zunichte machten – der Höhepunkt der sogenannten „Oktoberrevolution„.

Das Schicksal der Zarenfamilie

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Zar Nikolaus II., seine Frau Zarin Alexandra und ihre Kinder Alexej, Tatjana, Maria, Olga und Anastasia

Die Revolution in Russland brachte nicht nur weitreichende Veränderungen für das Land, sondern auch für den abgesetzten Herrscher Zar Nikolaus II. und seine Familie. Nachdem die britische Monarchie der Zarenfamilie aufgrund der deutschen Herkunft der Ehefrau des Zaren, Zarin Alexandra, – Großbritannien stand im Krieg mit Deutschland –  das Asyl verwehrt hatte, entschied die Übergangsregierung zunächst, die Familie nach Sibirien zu bringen. Die Sicherheit des Zaren konnte in der Hauptstadt Petrograd aufgrund der unruhigen politischen Verhältnisse nicht länger garantiert werden. Nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki Im Oktober/November 1917 wendete sich das Blatt zum Schlechteren für den Zaren: Die neuen Machthaber schränkten sämtliche Freiheiten für die ehemalige Herrscherfamilie ein und brachten sie nach Jekaterinburg, eine Stadt am Ural.

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Ipatjew-Haus mit Einschusspuren: Tatort des Zarenmordes

Unter falschem Vorwand brachten die Bolschewiki die Zarenfamilie mitsamt Gefolgschaft in der Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1918 in den Keller des Ipatjew-Hauses,
in dem sie festgehalten worden war. Anschließend eröffnete ein Erschießungskommando das Feuer auf die Zarenfamilie.

Anastasia – Der Mythos entsteht

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Anastasia Romanowa, die jüngste Tochter des Zaren

Gerüchte, ein oder mehrere Kinder des Zaren hätten das Erschießungskommando überlebt und das hohe Vermögen, das die Zarenfamilie hinterließ, lockten in den Folgejahren oft Hochstapler an. Diese gaben sich als als eines der Zarenkinder aus und gaben verschiedene Gründe an, warum sie das Erschießungskommando überlebt haben sollten.
Der bekannteste Fall begann 1920 in Berlin: Hier wurde eine Frau ohne Identität nach einem Selbstmordversuch aus dem Landwehrkanal gerettet und anschließend in eine Nervenheilanstalt gebracht. Nach einiger Zeit erwähnte sie hier zum ersten Mal ihre vermeintliche Identität: Sie sei die für tot gehaltene Zarentochter Anastasia.
Die Geschichte von der russischen Prinzessin, die wie durch ein Wunder den Peinigern ihrer Familie entkommen schien, verbreitete sich rasch in den adligen Kreisen. Sogar die fehlenden Russischkenntnisse schreckten viele von ihnen nicht davon ab, in der unbekannten Frau die Zarentochter Anastasia wiederzuerkennen. Es schien, als sei die Hoffnung auf eine Erlösung von dem Unrecht, das der Zarenfamilie durch die Bolschewiki widerfahren war, endlich eingetreten. Widerrum andere Verwandte stritten entschieden ab, dass es sich bei der Frau um Anastasia handeln könnte. Hollywood und Disney machten den Inhalt des Mythos Anastasia zu Erfolgen an den Kinokassen:

Wird aus Anna Anastasia?

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Anna Anderson – oder doch Anastasia Romanowa?

Die unbekannte Frau, die sich später Anna Anderson nannte, kämpfte sogar von 1938 bis 1970 vor Gericht um die Anerkennung ihres angeblichen Erbes. Das Gericht entschied, dass Anna Anderson nicht genug Beweise erbracht hätte, um ihre Identität zu beweisen. Aber das Gericht stellte ebenso fest, dass Anastasia Tod unklar sei. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1984 hielt Anna Anderson an ihrer Behauptung fest.
Anastasias Tod konnte den den 70er und 80er Jahren nicht eindeutig belegt werden. Für viele Anhänger hatte Anna Anderson überzeugt vorgegeben, Anastasia zu sein. Hat sie also die Wahrheit gesagt und Anna war in Wirklichkeit die totgeglaubte Anastasia? War es Anna bzw. Anastasia gelungen,
dem Erschießungskommando im Jahre 1918 zu entfliehen und damit die einzige Überlebende einer 300 Jahre währenden Dynastie zu sein? Diese Geschichte klingt eher nach einem Disney-Film als  nach einer tatsächlichen Begebenheit, eher nach Märchen als nach Realität. Und dieses Gefühl trügt nicht, denn: Nein, bei Anna Anderson handelte es sich eindeutig nicht um die Zarentochter Anastasia. Womöglich handelte es sich hierbei um die Fabikarbeiterin Franziska Schanzkowsky, die seit dem 09. März 1920 bei der Polizei als vermisst gemeldet war.

Vom Mythos zur Wahrheit

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Grab der Zarenfamilie in Sankt Petersburg

Nachdem im Jahr 1991 die Sowjetunion aufgehört hatte zu existieren, war der Weg frei für eine Exhumierung der Leichen der Zarenfamilie, die nach der Ermordung im Wald um Jekaterinburg verscharrt worden waren. Ein anschließender DNA-Test bestätigte hierbei: Anna Anderson war nicht mit dem russischen Zaren verwandt.
Allerdings wurden lediglich die Leichen von Zar Nikolaus II., seiner Frau und von drei weiteren Töchtern gefunden. Die Leichen des Sohnes Alexej und einer weiteren Tochter fehlten weiterhin, sodass der Mythos Anastasia immer noch nicht entschlüsselt schien. Nachdem die gefundenen Leichenteile im Jahr 1998 in St. Petersburg bestattet worden waren, wurden die Leichen von Alexej und der weiteren Tochter schließlich 2007 gefunden und ebenfalls in Sankt Petersburg bestattet. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der zuletzt gefundenen weiblichen Leiche aller Wahrscheinlichkeit nach um Maria handelte, sodass die Leiche Anastasias bereits 1991 geborgen worden war.
So fand der Mythos Anastasia rund 90 Jahre nach der Ermordung der letzten Herrscherfamilie Russlands ein Ende mit trauriger Gewissheit: Die Zarentochter Anastasia wurde in der Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1918 in Jekaterinburg mitsamt ihren Eltern und Geschwistern von einem Erschießungskommando ermordet. Sie wurde nur 16 Jahre alt.

 Zum Weiterlesen:

Zum Weiterschauen:

Bild- und Videonachweis:

Literatur:

  • Durschmied, Erik: Der Untergang großer Dynastien, Wien u.a. 2000.
  • Massie, Robert K.: die Romanows. Das letzte Kapitel., Berlin 1995.
  • Summers, Antony; Mangold, Tom: Zarenmord. Das Ende der Romanows., London 1976.
  • Ziegler, Gudrun: Das Geheimnis der Romanows. Geschichte und Vermächtnis der russischen Zaren., München 1995.

Hyperlinks:

https://www.dhm.de/lemo/biografie/nikolaus-ii

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg

http://www.zeitklicks.de/kaiserzeit/zeitklicks/zeit/weltgeschichte/russland/lenin-und-die-bolschewiken/

http://www.zeitklicks.de/kaiserzeit/zeitklicks/zeit/weltgeschichte/russland/die-oktoberrevolution/

http://www.filmstarts.de/kritiken/4882.html

https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/der-untergang-der-sowjetunion-100.html

 

 

 

 

 

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