Meuterei in Kiel – Geburtsort der Demokratie?

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Versammlung auf dem Wilhelmplatz in Kiel am 10. November 1918.

Im Jahr 2018 jährt sich der Kieler Matrosenaufstand zum 100. Mal, berichteten die Kieler Nachrichten im Mai 2016. Dieses Ereignis ist gerade für die Stadt sehr wichtig. Das meint auch Wolfgang Röttgers, Kieler Stadtrat, und nennt die Stadt Kiel „einen Geburtsort der Demokratie“. Aber wie hängt die Demokratie mit der Stadt Kiel und dem Matrosenaufstand zusammen? Hatte der Matrosenaufstand wirklich so eine große Bedeutung für die deutsche Demokratie oder versuchen die Kieler einen Mythos zu errichten, um ihre Stadt in den Mittelpunkt zu stellen?

Stapellauf eines Kriegsschiffes in Kiel.

„Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser.“  – Kiel wird Reichskriegshafen

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Kaiser Wilhelm II.

Das sagte Kaiser Wilhelm II. nach seinem Regierungsantritt und traf die Entscheidung seine Flotte auszubauen. So wurde Kiel im Jahre 1871 neben der Stadt Wilhelmshaven zum Reichskriegshafen. Mit dem Ausbau der Flotte kamen neue Arbeiter und Marinesoldaten in die Stadt. Die soziale Struktur und auch die politische Landschaft veränderten sich (70% der Einwohner waren nun Arbeiter). Die Sozialdemokraten wurden mächtiger und fanden große Unterstützung bei den Arbeitern der Unter- und Mittelschicht. Kaiser Wilhelm II. machte sich durch seine Reden, in denen er gegen die Sozialdemokraten wetterte und drohte, nicht beliebt.

Die Matrosen gehen auf die Barrikaden – November 1918

Der Erste Weltkrieg war auf dem Schlachtfeld bereits längst verloren. Die Reichsregierung war dabei mit den Gegnern einen Waffenstillstand zu verhandeln. Die Oberste Seekriegsleitung plante aber einen heldenhaften Untergang und wollte eine letzte große Schlacht gegen England kämpfen. Die Matrosen nahmen das nicht einfach so hin und in der Nacht des 29.10.1918 kam es in Wilhelmshaven zu ersten Befehlsverweigerungen. Nur neun Tage später dankte Kaiser Wilhelm II. ab und die „Deutsche Republik“ wurde ausgerufen. Was nun passierte in diesen paar Tagen?

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Kiel mit Flotte aus der Vogelperspektive.

Der Flottenchef Admiral Scheer versuchte die Situation zu klären und schickte einen Teil der meuternden Matrosen nach Kiel. Die Anführer der Meuterei kamen in Arrestzellen. Die anderen Matrosen erhielten Landgang und fanden in der USPD Unterstützung bei der Freilassung der inhaftierten Matrosen. Es fanden erste Versammlungen und Demonstrationen unter der Leitung Lothar Popps und Karl Artels auf dem Exerzierplatz in Kiel unter Parolen wie „Beendigung des Krieges, Frieden, Freiheit und Brot!“ statt. Die Soldaten und Arbeiter bildeten Räte und übernahmen die politische Macht in der Stadt. Die Reichsregierung schickte nun Gustav Noske nach Kiel, welcher das Vertrauen der Kieler Aufständischen hatte und dem es gelang, Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Die Arbeiter- und Matrosenbewegung verlor rasch an Schlagkraft. Die Demonstrationen wurden mit Waffengewalt bekämpft. Als Folge entstanden Streiks auf den Werften und Meutereien in den Kasernen. Die eingesperrten Matrosen wurden schlussendlich freigelassen.

Von Kiel aus verbreitete sich die Rätebewegung über das ganze Deutsche Reich. Berlin stand schnell im Zentrum des Interesses. Die Demonstrationen weiteten sich aus und der Druck auf Kaiser Wilhelm II. wurde so groß, dass er schließlich abdanken musste. Als Folge rief der Parteivorsitzende der SPD Philipp Scheidemann die Republik aus.

Kiel – „Geburtsort der Demokratie“?

Reichen diese Ereignisse nun wirklich aus, um Kiel den „Geburtsort der Demokratie“ zu nennen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Dazu gibt es unterschiedlichste Ansätze von Historikern, die sich z.T. widersprechen. Viele Historiker sind sich allerdings darin einig, dass die Stadt Kiel bzw. die Matrosen und Arbeiter der Stadt Kiel einen großen Beitrag zur deutschen Geschichte leisteten.

Einige Historiker vertreten aber den Ansatz, dass die Unruhen und Auflehnungen von der gesamten Bevölkerung des deutschen Reichs ausgingen und es an drei Orten unabhängig voneinander zu Unruhen kam: Berlin, Kiel und München. Somit trägt Kiel zwar seinen Teil bei, wäre aber somit nicht der Geburtsort der Demokratie. Man müsste also überprüfen, welchen Anteil der Kieler Matrosenaufstandes wirklich hatte und ob die Demokratie sich nicht auch ohne diesen durchgesetzt hätte.

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Denkmal zum Matrosenaufstand 1918 in Kiel.

Im Zuge dieser Diskussionen stellen einige Forscher auch die Frage, ob es sich bei den Aufständen wirklich um eine Revolution handelte. Nach dem Rücktritt des Kaisers gab es zwar auf dem Blatt Papier eine politische Demokratie, aber in Wahrheit wurde eine Politik weitergeführt, die es schon unter dem Kaiser gab. Nur im Mantel der Republik.

Bildet die Stadt Kiel mit der Behauptung, dass sie der Geburtsort der Demokratie ist, nicht vielleicht nun doch nur einen Mythos um sich herum? Besteht nicht vielleicht auch die Gefahr, dass andere Städte wie Wilhelmshaven oder Weimar der Stadt Kiel diesen Titel streitig machen, wo sie vielleicht doch ebenfalls einen Anteil haben? Die unterschiedlichen Meinungen zu diesen Fragen zeigen nun also, dass in diesem Gebiet unbedingt noch weiter geforscht werden muss. Das bedeutet, dass es keine klare Antwort gibt auf die obengenannte Frage. Es ist aber jedem selbst überlassen, sich zu informieren und sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden.

Zum Weiterlesen und Schauen:

Allgemein zum Matrosenaufstand und der Revolution in Deutschland:

Allgemein zum Ersten Weltkrieg und Kiel im Ersten Weltkrieg:

Diskussionen zum 100. jährigen Jubiläum des Matrosenaufstandes:

Bild- und Videonachweise:

Quellen:

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